Der Notfall: ein liebenswerter Albtraum

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Am Abend in den Notfall. Na toll, denke ich, als ich aus dem Taxi steige. „Alles Gute“, ruft der Taxifahrer mir hinterher. Ich lächle, winke ihm kurz zu und betrete das Universitätsspital. Ich war erst einmal im Unispital Basel und schon damals überforderten mich all die beschrifteten und – noch schlimmer – die nicht beschrifteten Gänge. Wie kann man hier bloss arbeiten? Ich sehe mich um, entdecke einen Schalter und nähere mich diesem zielstrebig. Ich spüre, wie mir die Blicke der Wartenden folgen. Stehe ich am falschen Schalter? Vor mir ist ein älteres Ehepaar. Sie, im Rollstuhl. Er, nervös daneben. Ich warte, lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. Der Boden ist ein scheussliches Grün, die gleiche Farbe wie Erbrochenes in Zeichentrickfilmen. Warum immer grün? Was hat diese Farbe an sich, dass sie so grossflächig eingesetzt wird. Ein Pfeil, der auf der Wand aufgemalt ist, sticht mir ins Auge. „Anmeldung“ steht darunter. Ich bin verwirrt, mustere den Schalter, an dem ich gerade anstehe. „Aufnahme“ steht da, fett und in Grossbuchstaben. Für jeden klar sichtbar. Verdammt, falsch angestanden.

Niemand steht am Anmeldeschalter an. Schnell nenne ich meine Beschwerden: „Rückenschmerzen, Bauchschmerzen, verhärtetes Abdomen, Appendix?“ – ich schmücke meine Wörter absichtlich mit etwas Arztslang aus – und setze mich auf einen Stuhl. Ein paar Stühle weiter sitzt ein junges Paar. „Fischgräte im Hals“, höre ich die Schwestern flüstern. Und dann: „Wie schreibt man Gräte?“ Ich tue so, als wäre ich mit meinem Handy beschäftigt. Mist, nur noch 7 Prozent Akku. Die Glastür geht auf. Ein Mann kommt herein, neben ihm seine Frau. Er habe sich den Kopf angestossen; nein, es habe nicht geblutet; nein, er sei nicht ohnmächtig geworden, erzählt er der Krankenschwester. Um so einen Patienten werden sich die Ärzte bestimmt reissen. Zur Erklärung: Meine Teenagerjahre waren geprägt von der Fernsehserie Grey’s Anatomie, in der sich die Assistenzärzte jeweils um die spannenden Fälle streiten. Heute Abend gibt es hier im Unispital bestimmt keinen Streit. Nicht um diese Patienten

„Frau Micallef?“

Eine Krankenschwester steht vor mir, ganz in weiss. Nur die Schuhe sind pink. Knallpink. Augenkrebs. Ich folge der Schwester in ein separates Zimmer. Zum dritten Mal an diesem Abend leiere ich meine Symptome herunter. Zum dritten Mal verneine ich, dass es Menstruationsschmerzen sind. Zum dritten Mal fällt das Stichwort Appendektomie. Verdammt, eigentlich habe ich gar keine Lust, die Nacht in diesem Spital zu verbringen.

Ich sitze in der Aufnahme. Ich sollte bald an der Reihe sein, hat die Krankenschwester mit den pinken Schuhen gesagt. Sie habe mich höher eingestuft. Hinter mir stöhnt die ältere Frau im Rollstuhl. „Wir warten schon so lange, ihr geht es echt nicht gut“, höre ich ihren Mann schimpfen. „Willst du etwas trinken? Oder ein Snickers?“ Der Mann ist etwa im gleichen Alter wie mein Grossvater. Ich bezweifle aber, dass mein Opa weiss, was ein Snickers ist.

Immer wieder geht die Schiebetür zur Notfallstation auf, ein Name wird aufgerufen, ein Patient stolpert in die Station. Ich schaue zum Fernseher hoch. Der Ton ist ausgeschaltet, aber ich erkenne klar, dass da irgendeine deutsche Möchtegern-Drama-Serie läuft. Die Schauspieler sind so schlecht, dass ich der Frau im schwarzen Mantel ihr Leid nicht mal ohne Ton abkaufe. Ein Ehepaar mit Kind kommt in die Notaufnahme. Sie, im Rollstuhl. Er stösst den Rollstuhl mit der einen Hand, mit der anderen hält er die Hand des kleinen Mädchens. Als er die Hand des Mädchens loslässt, nutzt dieses die Gelegenheit und rennt quietschend vor Freude den Gang hoch und wieder runter. Mal ein schönes Geräusch zwischen all den Miesepetern hier. Ich beobachte die junge Familie. Die Mutter sieht schlecht aus, der Vater angespannt, versucht aber, mit seiner Tochter zu lachen. Wahrscheinlich will er sie nicht beunruhigen. „Ja hallo, Schätzeli!“ Der alte Mann hat gerade sein Handy abgenommen und schreit beinahe in das Gerät. „Weißt du, wo wir gerade sind?“ Pause. „Auf der Notfallstation!“ Und der alte Mann erzählt seinem Gesprächspartner detailgetreu, was passiert ist. Und dann fängt er an, sich über die langen Wartezeiten zu beklagen. „Ja, jetzt warten wir schon ZWEI Stunden hier“ – es ist erst eine Stunde vergangen – „und es geht einfach nicht vorwärts. Nein, du musst bestimmt nicht vorbeikommen. Das bringt doch nichts. Dann musst du nur auch warten.“ Die Schiebetür geht auf. „Frau Micallef“. Ich stehe auf, erleichtert, denn ich habe langsam keine bequeme Sitzposition mehr gefunden. „Aber sie ist ja erst nach uns gekommen“, höre ich den alten Mann noch schimpfen, bevor sich die Schiebetür hinter mir schliesst.

Ich werde in ein kleines Zimmer gebracht. Eine Krankenschwester kommt zu mir. Babette sei ihr Name und was mir denn fehle? Ich werde immer besser mit der Aufzählung meiner Symptome. Ob ich ein Medikament gegen die Schmerzen möchte, fragt Babette. Ich muss zugeben, ich habe eine Riesenfreude an ihrem Namen. Wie viele Babettes gibt es heute noch? Grossartig!

„Ja, doch. Schmerzmittel wären nicht schlecht.“

„Intravenös?“

„Ja, warum denn nicht?“

Mir muss ja sowieso Blut abgenommen werden, dann kann durch dieses Loch gleich auch das Schmerzmittel hineingepumpt werden. Schwester Babette holt eine Nadel und nimmt meinen Arm. Sie werde beim Handgelenk stechen, sagt sie, und während ich mich noch frage, ob das Handgelenk nicht zu knochig sei, stösst sie die Nadel durch die Haut und das Blut spritzt hinaus. „Oha, Sie haben ja eine gute Durchblutung!“, ruft Babette.

Ich liege da, in diesem Bett, das eine Mischung zwischen Spital- und Bunkerbett ist. Ich schaue mich in meinem Zimmer, oder besser gesagt in meiner Notfallkabine, um. Alles ist weiss. Die Wände, die Decke, alles einfach weiss. Ich blicke an mir herunter. Ich trage eines dieser sexy Patientenkleidchen, die hinten offen sind. Warum eigentlich? Damit man besser aufs Klo kann? Aber wer will schon, dass jedermann sein Hinterteil sieht? Ich muss das mal abklären. Ungeduldig wippe ich mit dem Fuss hin und her, kaue an meinen Fingernägeln. Blutdruck und Puls sind schon gemessen, Schwangerschaftstest negativ, Leukozyten normal, Entzündungswert leicht erhöht. Die Unterassistenzärztin und die Assistenzärztin waren auch schon bei mir, haben meinen Bauch abgetastet und abgehört. Ich hatte fast Mitleid mit der Assistenzärztin. Sie hielt sich nur mit Mühe auf den Beinen, ihre Augen waren fiebrig, ihre Nase rot. Jetzt soll noch der Radiologe kommen. Ich grinse, fühle mich leicht. Die Schmerzen sind weg. Aber geht es mir deswegen so gut? Ich habe das Bedürfnis zu lachen und ich weiss nicht warum. Ich will Schwester Babette alles Mögliche erzählen. Alles Lustige, Peinliche, Komische, was mir in letzter Zeit passiert ist. Was ist nur los mit mir? Und dann… Verdammt, ich bin high von diesem Schmerzmedikament! Kann das sein? Sowas passiert doch nur bei Morphin? Aber doch, ich fühle mich beschwipst, als hätte ich etwas getrunken. Oje, ich bin in Flirtstimmung. Nicht gut. Ich versuche, mich zu beruhigen, von meinem Hoch herunterzukommen. Keine Chance. Da geht auch schon der Vorhang auf.

Vor mir steht ein dunkelhaariger Mann, wahrscheinlich so Mitte 30, anfangs 40. Er ist schmächtig, aber sein weisser Arztkittel sitzt perfekt und verleiht – wie jeder Arztkittel – dem Mann eine gehörige Portion Sexappeal. Verdammt, ich bin am Arsch. „Hallo, ich bin der Radiologe“, sagt der Arzt und reicht mir die Hand. Nein, das hat er nicht gesagt. Er hat mir seinen Namen genannt, doch leider…. pfuuiiiit, weg ist der Name. Joe, so nenne ich ihn. Keine Ahnung, warum. Einfach Joe. Ich lächle, nehme seine Hand. „Hallo, ich bin Claire.“ „Können sie…?“ fängt Joe an und gestikuliert, ich solle das Patientenkleidchen hochheben und meinen Bauch freilegen. Na klar kann ich das. „Jetzt wird es etwas kalt“, entschuldigt sich Joe, als er den Ultraschallkopf auf meinen Bauch drückt. Ich lächle ihn an. „Kein Problem.“ Habe ich ihm gerade zugezwinkert? Claire, reiss dich gefälligst zusammen! Ich beobachte Joe, wie er seinen Bildschirm anstarrt. Er ist wirklich nicht sonderlich sexy. Eher etwas unbeholfen. Nicht der Typ Mann, dem ich auf der Strasse nachschauen würde. Aber, er trägt einen Arztkittel. „Was sehen Sie da?“, frage ich. Joe blickt erstaunt von seinem Bildschirm hoch, schaut zuerst mich an, dann wieder den Bildschirm. Und schon dreht er mir diesen zu und fängt an, mir alles zu erklären. Ich mustere den Bildschirm. Wo zum Teufel will er hier einen Darm erkennen? Und wo sind da bitteschön die Nieren? Für mich sieht alles aus wie eine schwarzweisse Mondlandschaft. Joe hätte genauso gut sagen können „Schauen Sie, da ist Ihr Baby“ und ich hätte es ihm geglaubt. Aber ich nicke interessiert, frage nach, will alles ganz genau wissen. Es ist eine Kür, die ich einwandfrei beherrschen: So zu tun, als ob ich alles verstehen. Tagtäglich gebe ich mich als Journalistin mit Menschen ab, die Spezialisten sind. Egal in welchem Gebiet. Und manche nehmen dich erst dann ernst, wenn du ihr Gebiet verstehst. Oder zumindest diesen Anschein erweckst. Also nicke ich weiter, frage weiter, lächle Joe weiter an. Und Joe? Er ist verwirrt, das sehe ich ihm an. Aber irgendwie glaube ich, dass er sich freut. Vielleicht sind es auch nur die Drogen. Also, die Schmerzmedikamente. Ich weiss es nicht. „Können Sie denn Knopf hier lösen?“ fragt Joe und zeigt auf meine Jeans. Ich öffne den Knopf und… scheisse, warum trage ich gerade heute keinen sexy Spitzenstring, sondern meine Star-Wars-Stormstrooper-Unterhose? Grossartig!

Ich bin wieder alleine in diesem weissen Raum. Es ist schon 10 Uhr. Wann bin ich hier angekommen? Ich glaube, es war so gegen sieben. Ich beobachte die Kochsalzlösung, die mir intravenös eingeflösst wird. Sie ist fast leer. Shit, ich muss bald aufs Klo. Und dann geht es los: Im Zimmer gegenüber erbricht sich die junge Mutter, die kurz nach mir mit Mann und Tochter in den Notfall gekommen ist. Und zwar immer wieder. Wäre ich nicht high von Medikamenten, würde sie mir bestimmt leid tun. Aber in meinem Zustand… Ich höre sie weinen, schreien, erbrechen. Und dann rieche ich das Erbrochene, diesen säuerlichen Gestank. Luft anhalten! Plötzlich fängt der Monitor neben mir an zu piepsen. Laut und schrill. Durch das Luftanhalten wurde mein Herz zu langsam und nun schlägt der Kasten Alarm. Vor Schreck vergesse ich mein Luftanhalten-Credo. Und schon hört das Piepsen wieder auf. Faszinierend. Ich versuche, mich zu entspannen und sehe, wie mein Puls wieder sinkt. Der Kasten fängt wieder an, zu piepsen. Ich mache das nur, weil ich high bin – glaube ich zumindest. Der Kasten ist wieder verstummt, mein Herz schlägt wieder schneller. Und nochmals entspannen. Piep, piep, piep…

Der Vorhang wird aufgezogen. Ein grossgewachsener Mann steht dort. Mit seinen schön frisierten blonden Haaren sieht er aus wie ein blonder Derek Shephard aus Grey’s Anatomie. Nur weniger sexy. Nicht McSexy. Er sei der Oberarzt und möchte mich untersuchen, sagt McBlondie. Ich lasse das ganze Prozedere nochmals über mich ergehen. Mein High ist nicht mehr so high, der Arztkittel hat seine Wirkung verloren. Ich solle ins Frauenspital gehen, vielleicht eine Zyste an den Eierstöcken, höre ich McBlondie sagen.

„Was? Also jetzt?“

„Ja, vielleicht muss die Zyste rausgeholt werden. Vielleicht geht es aber auch medikamentös.“

„Also doch noch eine Operation?“

„Nur, wenn die Zyste entzündet ist.“

„Oh.“

„Gute Besserung, Frau Micallef.“

„Danke.“

Und weg ist McBlondie. „Ich habe Feierabend, bei Ihnen alles in Ordnung?“ Babette steht neben mir am Bett. „Immer noch high?“ Ich grinse. „Besser“, antworte ich. Dann: „Muss ich nun ins Frauenspital oder wie sieht es aus?“ „Was? Davon weiss ich wiedermal nichts. Uns sagt man ja nie jemand etwas.“ Babette verlässt schimpfend den Raum.

Es ist ruhig geworden auf der Notfallstation. Keine Schreie mehr, niemand erbricht sich. Ich blicke zur Decke, kaue auf meinen Nägeln. Eine doofe Angewohnheit.

„Frau Micallef?“

Die Assistenzärztin mit der roten Nase öffnet den Vorhang. Ich richte mich auf. Jetzt endlich erfahre ich, was ich habe. Jetzt weiss ich, warum ich den ganzen Abend hier gelegen bin.

„Also, wir wissen nicht genau, was Sie haben.“ Na toll. „Aber wir machen es mal so: Sie können heute nach Hause, aber sobald die Schmerzen schlimmer werden, müssen Sie sofort wiederkommen.“ Ich höre die junge Assistenzärztin weiterreden, nicke, lächle, gebe ihr das Gefühl, dass ich zuhöre. „Gute Besserung, Frau Micallef.“ „Danke, Ihnen auch gute Besserung“, antworte ich. Die Assistenzärztin mit der roten Nase lacht und zieht denn Vorhang hinter sich zu. Na dann, tschüss Notfall, es war spannend, dich einmal kennenzulernen. Und ganz ehrlich, ich komme gerne nochmals zurück. Dann aber bitte nicht als Patientin, sondern nur als Beobachterin. Trotzdem, zu diesem Schmerzmedikament würde ich auch dann nicht nein sagen.

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