MILF oder: Wenn aus einem Mittelstandsdrama ein Horrortrip wird

Wer bei einem Stück mit dem Titel Milf, Akronym für «mother I’d like to fuck», einen lockeren Theaterabend mit einer heissen Frau mittleren Alters in der Hauptrolle erwartet, der wird diese Tage im Theater Basel eines Besseren belehrt. Das Schauspiel der Autorin Anne Haug und der Regisseurin Sahar Rahimi macht sich den Begriff zu eigen und dreht ihn in ein gesellschaftskritisches Machtwort. 

© Lucia Hunziker

Er – Arzt, Vater, geschleckte Haare, der rosa Pullover über die Schultern gelegt. Sie – Hausfrau, Mutter, die pinken Lippen meist zu einem angestrengten Lächeln verzogen. Drei zuckersüsse Töchter in blauen Kleidchen, die blonden Haare immer schön frisiert. Zum Nachtessen gibt es Nudelauflauf, die Mutter hat ihn mit Schinkenstückchen zubereitet. Nach aussen hin scheint das Familienleben perfekt. Perfekt ist hier allerdings nur die Anspannung, die durch die polierte Oberfläche dringt. «Wie war dein Tag?» «Gut, wie immer.» «Schön.» Dass diese vermeintliche Familienidylle gestört wird, ist nur eine Frage der Zeit. Die Störung kommt auch kurz darauf in der Form von Kat. Selbstsicher, ungestüm, fordernd – und Tamaras ehemalige Geliebte. Der Wohlfühlballon platzt, noch ehe Kat richtig loslegt. Danach fliesst Blut.

Das Schauspiel Milf bedient sich ab der Eröffnungsszene an der Palette klassischer Horrorstreifen. Die Mädchen in ihren blauen Kleidchen wecken böse Erinnerungen an die Grady-Zwillinge aus Shining. Wem dämonisch wirkende Kinder keine Angst einjagen, ist mit Puppen bedient, deren Augen während der gesamten Spieldauer den Raum abscannen. Jagen dir eher Clowns einen Schauer über den Rücken, so mag dich Kats Auftritt im Clown Kostüm am Geburtstag der Mädchen verstören. Oder dreht sich dein Magen bei Splatterfilmen? Blut wird gespuckt und wieder aufgesaugt, rinnt aus der Steckdose, über die Wand, bedeckt Gesichter und Hände, Gedärme werden herausgezogen, Herzen geleckt. Zart Besaitete wollen wohl wegschauen, doch die Inszenierung versteht es, die Blicke in den Bann zu ziehen, den Bogen des Erträglichen immer weiter zu spannen, aber niemals ins Unerträgliche abzurutschen. Musik und Lichtdesign runden das (Horror-)Erlebnis ab, lassen die Spannung greifbar werden, die Bilder verstörender erscheinen und sorgen bei manch schreckhafter Person für den einen oder anderen Jump-Scare. (Der Autorin dieses Textes inbegriffen.)

Ein Mittelstanddrama als Horrortrip inszeniert ist innovativ, erfrischend und vor allem akzentuiert diese unerwartete Verbindung die Kritik des Schauspiels und regt zur Reflexion über gesellschaftliche Erwartungshaltungen an. Die Milf im Stück hat einen Mann mit Karriere geheiratet, wurde Mutter, Hausfrau. Und unglücklich, gefangen in einer scheinbar perfekten Welt. Sie hat diesen von der Gesellschaft akzeptierten Weg gewählt, anstatt mit der Frau, die sie liebte, ein Leben nach ihrem Gusto zu führen.

Das Schauspiel Milf ist die erste Zusammenarbeit der Autorin Anne Haug und der Regisseurin Sahar Rahimi und läuft das nächste Mal am 14. Juni auf der kleinen Bühne des Theater Basels. Spielzeiten und Tickets findest du hier.